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Das Naturschutzgebiet “Weingartener Moor”

von Klaus Geggus

Diese einzigartige Landschaft im süddeutschen Raum ist derzeit in ihrem Bestand gefährdet wie niemals zuvor in seiner Geschichte. Im Jahre 1940 berichtete der Heimafforscher Pfarrer A. Nikolaus über die geologischen Verhältnisse, den Torfstich, die Tierwelt und über die damals noch sehr reichhaltige Flora. Es existieren mehrere Publikationen über wissenschaftliche Besonderheiten, aber eine ausführliche Zusammenfassung über das Weingartener Moor gibt es noch nicht. Wilhelm Kelch beschreibt in seinem Buch “Tausend Jahre Weingarten” das Moor in einer Kurzfassung, wie es in seinem Bestand ungefähr im Jahre 1980 aussah.
Mit dieser Fortsetzungsreihe soll versucht werden, frühere, bis jetzt noch nicht veröffentlichte Einzelheiten, die negative Entwicklung seit 1940, den derzeitigen katastrophalen Zustand und eventuelle Rettungsmöglichkeiten zu beschreiben.

1 ) Entstehung, Geschichte und wirtschaftliche Nutzung

Das Weingartener Moor stellt die letzten Überreste des ehemaligen Kinzig-Murgflusses (Ostrhein) dar, der sich parallel zum Rhein an den Bergrändern entlang erstreckte, die herabfließenden Bäche in sich aufnahm und nach der letzten Eiszeit entstand. Dieses weitverästelte Flußtal, das sich oft in kleinere und größere Seen auflöste, vereinigte sich ungefähr beim heutigen Hockenheim mit dem Hauptrhein. Noch in römischer Zeit, vor 2000 Jahren, muß er teilweise schiffbar gewesen sein, denn in der Gegend Ettlingen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Sumpfboden erhalten gebliebene römische Kähne ausgegraben.Die germanischen Stämme, vor allem die Alemannen, die im Zuge der Völkerwanderung die Römer aus dem Kraichgau verjagten, nannten den Kinzig-Murg-Fluß “Anglach”. Daraus erklärt sich die im frühen Mittelalter gebrauchte Bezeichnung “Anglachgau” für den Bruhrain. Schon im Stiftungsbrief des Klosters Gottesau (1110) wurde dieses Gewässer “fluentes lacunae” erwähnt, was soviel bedeutet, wie lückenhaft versumpftes und langsam dahinfließendes Wasser.

Der in Menzingen aufgewachsene und später in Rostock zu hohen Ehren gekommene Humanist David Chyträus (Kochhaf) gebrauchte für den Kinzig-Murg-Fluß den Namen “Prerhenus”, d.h. Vorrhein. In einem 1583 erschienenen Werk über den Kraichgau schilderte Chyträus den Verlauf dieses Vorrheins so ausführlich, daß man noch heute die Ufer fast auf den Meter genau nachzumessen vermag, obwohl zu dieser Zeit der größte Teil schon verlandet war.

Das Torflager, wie es die alten Weingartener noch heute nennen, wurde dann im Jahre 1836 von Oberamtsvorstand Baumüller erstmals genannt (siehe ausführliche Beschreibung des Torfstechens bei Pfarrer Nikolaus). Ob diese Entdeckung mit der Projektierung der Eisenbahnlinie Durlach-Heideiberg im Jahre 1838 zusammenhing, ist nicht zu klären. Auch der Bau des Ruschgrabens (1839/1840) soll zur Entwässerung dieses Gebietes zwecks Torfstichs erforderlich gewesen sein. Für den schwierigen Bau der Eisenbahnlinie brachte dieser Graben natürlich auch Vorteile. Jedenfalls war der Eisenbahnbau der erste gravierende Einschnitt und trennte das Sumpfland in zwei Teile. Die nächste wesentliche Veränderung brachte dann der Autobahnbau Bruchsal-Karlsruhe in den Jahren 1935/36; auch hier mußte Moorboden weggesprengt werden, damit der hoch aufgeschüttete Damm absackte, um einen tragfähigen Untergrund zu erhalten. Für das heutige Moorgebiet war der Autobahnbau jedoch keine wesentliche Beeinträchtigung, da er viel weiter enffernt war als die Eisenbahnlinie.

Eine wesentlich negativere Beeinflussung erfuhr allerdings das Moor durch das vom Reichsarbeitsdienst 1935/1936 angelegte umfangreiche Grabensystem der Pfinz-Saalbachkorrektur mit dem Ziel der Nutzbarmachung von Feuchtwiesen für den Ackerbau. Auch der Ruschgraben wurde verlegt, und zwar ging er jetzt nicht mehr ins Moor hinein wie früher, sondern am Waldrand entlang unter der Bahnlinie hindurch und auf der anderen Seite in den Pfinzentlastungskanal. Diese Trockenlegungsmaßnahmen wirkten sich schon bald negativ auf den Wasserhaushalt des Moores aus.

An dieser Stelle muß aber auch gesagt werden, daß die wirtschaftliche Ausbeutung durch den Torfstich (der getrocknete Torf wurde hauptsächlich fur Heizungszwecke verkauft) uns das heutige Moor erst gebracht hat. Ansonsten wäre es genau so verlandet, wie viele Sumpfgebiete in der Umgebung.

Weingartener Moor (früher Torflager) vor 1920

2) Weitere Nutzung des Moors

Vom 1. Januar 1930 bis zum 31. Dezember 1939 verpachtete die Gemeinde Weingarten die Lose 63 und 64 zu Badezwecken im Sinne der neuzeitlichen Freikörperkultur. Der Badebereich war durch Rohrmatten abgegrenzt, wobei mancher “Weingartener Lausbub” durch ein Loch versuchte, das andere Geschlecht im Evakostüm zu beobachten.Für die Weingartener Jugend war das Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Torflager im Winter immer ein besonderes Ereignis, obwohl es von den Eltern meist verboten wurde. Denn das Befahren im Bereich der zwei unterirdischen Quellen war gefährlich, weil das Wasser dort in diesem Bereich nie ganz zugefroren war. Der langjährige Jagdpächter Heinz Thiele weiß zu berichten, daß der See nur einmal im sehr kalten Winter 1928/29 ganz zugefroren war. Es war möglich, vom Geßler (Gößler) über die ”Loimenlöcher” und den Ruschgraben direkt und schnell mit den Schlittschuhen ins Moor und wieder zurückzukommen. Der zwölfjährige Metzgersohn Friedrich Lutz ist im Jahre 1896 beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen und ertrunken.

Weiterhin wurden im Winter aus der zugefrorenen Wasserfiäche rechteckige Eisstücke zum Kühlen der Bierkeller herausgeschlagen und in dem Weingartener Eiskeller (Bruchsalerstraße 44) gelagert.

Es gab so viele Seerosen, daß diese sogar längere Zeit gegen Entgelt verkauft und in ferne Länder verschickt wurden. Sie wurden z.B. als Tafelschmuck in Fürstenhäusern (sogar in Petersburg) verwendet.

Eine stetige Einnahme für das Gemeindesäckel war der Verkauf von Schilf, das in Lose eingeteilt an die verschiedenen Interessenten versteigert wurde. Einerseits diente es zum Herstellen von Rohrmatten insbesondere für das Gipserhandwerk, und andererseits zur Gewinnung von “Liesch” zum Abdichten von Weinfässern. Die Versteigerung zur Lieschgewinnung erfolgte noch sehr lange bis ca. 1960 meist an die gleichen Bieter. Diese verkauften dann den Liesch an die Küfer und die privaten Weinbauern. Der genannte Liesch ist nichts anderes als das Blattwerk des Rohrkolbens (Dialekt: “Rußkolbä”), und das Aufhängen und Trocknen erfolgte ähnlich wie beim Tabak. Von manchen Bauern wurde auch kleingehacktes Schilf als Streu im Stall verwendet.

3) Die ersten Naturschutzgebiete in Baden – kontra wirtschaftliche Nutzung

BNN-Mitarbeiter Thomas Adam schreibt vor kurzem:
500 Teilnehmer kamen am 14. Januar 1936 zum ersten badischen Naturschutztag nach Karlsruhe. Max Auerbach, Direktor der Landessammlungen für Naturkunde und Geschäftsführer der badischen Naturschutzbehörde, stellte in einem Lichtbildervortrag die bis 1936 ausgewiesenenen 21 badischen Naturschutzgebiete vor. Darunter so bekannte Gebiete wie das Wollmatinger Ried und das Wildseemoor. Drei der frühen Naturschutzgebiete lagen im heutigen Landkreis Karlsruhe und nehmen noch heute einen hohen Stellenwert im ökologischen Geflecht der Region ein. Das Weingartener Moor wurde im September 1934 durch Erlaß des badischen Unterrichtsministeriums unter Naturschutz gestellt.Anmerkung: 1934 wurden drei Naturschutzgebiete im Landkreis Karisruhe genannt; dies waren: “Das Weingartener Moor” und wahrscheinlich der “Kaisersberg” bei Untergrombach, sowie der Altrhein “Königssee” bei Liedolsheim.

Pfarrer Albert Nikolaus schreibt 1940 in seiner Schlußbetrachtung zum Torflager:
Es war deshalb auch nur zu begrüßen, daß unsere Regierung im Jahre 1934 das Torflager als das 10. Gebiet in Baden als Naturschutzgebiet erklärt hat.”

In einer anderen Puplikation, heißt es:
Wie der Kaisersberg bei Untergrombach wurde auch das Weingartener Moor anno 1939 zum Naturschutzgebiet erklärt.

Wie lautet nun hier die offizielle Stellungnahme der Bezirksstelle für Naturschutz in Karlsruhe:
Die Ausweisung von Schutzgebieten im Jahre 1934 hatte noch keine gesetzliche Grundlage, da das Reichsnaturschutzgesetz erst 1936 erlassen wurde. Nach diesem Zeitpunkt erfolgte die offzielle Ausweisung erst dann, wenn die Verordnung für das jeweilige Schutzgebiet erfolgte. Die Neufassung der Verordnung vom Ministerium für Kultus und Unterricht erfolgte für das Weingartener Moor erst am 11.10.1940.

Es wäre müßig, sich jetzt darüber zu streiten, welches das richtige Datum der Unterschutzstellung ist. Jedenfalls waren ab diesem Zeitpunkt folgende Maßnahmen verboten:

Das Torfstechen, das Abernten von Seerosen oder anderen Pflanzen, das Eisschlagen und das Moorbad. Das Jagd- und Fischrecht wurde noch nicht eingeschränkt, und die Schilfernte zu bestimmten Zeiten erlaubt. Das Schlittschuhlaufen im Winter wurde behördlicherseits noch geduldet.

4) Mythische Sagen und Geschichten um das Moor

“O, schaurig schön ist’s übers Moor zu gehen,
wenn das Röhricht knistert im Hauche !”

So lautet eine Stelle in dem Gedicht: “Der Knabe im Moor”, von Annette von Droste-Hülshoff. Es gibt für die Menschen nichts Unheimlicheres als ein Moor. Beim Betreten der Ufer gerät der Boden in Schwingung, und unter den Schuhen beginnt es zu gluckern. Wer sich zur Nachtzeit im Moor aufhält, den gruselt es schon, denn er sieht “Irrwische” tanzen. Noch vor 150 Jahren hielt man diese Lichter für die Seelen von \/erstorbenen. Heute weiß man, daß es sich um Sumpfgas handelt, das aus der Tiefe hochsteigt und sich beim Berühren mit der Außenluflt von selbst entzündet.Bei meinen Führungen im Moor werde ich immer wieder nach Moorgeistern und Moorleichen gefragt. Mir ist eigentlich nur der schon erwähnte Todesfall beim Schlittschuhlaufen bekannt, und der soll bei den “Loimenlöchern” im Herrschaftsbruch passiert sein. Die Sage “Der Rosenstrauch im Moor” erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das ihren Geliebten im Moor suchte und von den Moorgeistern in einen Rosenstrauch verwandelt wurde. Diese Sage ist im Buch “1000 Jahre Weingarten” auf der Seite 526 abgedruckt, weitere Sagen über das Weingartner Moor sind mir nicht bekannt.Mehrere Bürger haben mir auch bestätigt, daß nach dem 2. Weltkrieg Munition und Waffen mit Lastwagen in großen Mengen auf der Nordseite in das Moor gekippt wurden. Die Warnung vor Minen und Explosionen (die noch nie stattgefunden haben) fällt deshalb nicht in den Bereich der Sagen.

Quelle: Weingartener Heimatblätter Nr. 10

weitere Links:
Informationsseite des Landes BW mit schöner Luftaufnahme vom Weingartner Moor